Now Playing Tracks

Weihnachtswunder ♥

listen to my heartbeat, 

it only beats for you…

Uggh, wie kann man schon so früh am Morgen solche Lügen im Radio spielen, dachte ich mir, während ich ein Kissen nach meinem Radiowecker warf. Tausendmal hat er mir diese Lüge aufgetischt und ich war so naiv und glaubte ihm jedes Mal.

Just laying here with you
Watch the sun becomes the moon

Das war jetzt genug; ich stand auf um den Wecker auszuschalten und mich auf die Arbeit vorzubereiten. Ein weiterer Arbeitstag in der “Kaufhaus-Hölle”. “Hölle” war das passende Wort für das einzige Kaufhaus in der Stadt zur Weihnachtszeit: überfüllte Läden, hektische Menschen und glückliche Paare…

Ich holte das schreckliche Kostüm aus meinem riesigen Kleiderschrank, welches jeder Angestellte in der Weihnachtszeit tragen musste, und ging ins Bad. Nach einer heißen Dusche machte ich mich fertig, aß noch schnell etwas und fuhr los.

Als ich meine Kollegin an der Kasse ablöste, hatte sich dort schon eine lange Schlange gebildet. Die Menschen waren selbst um diese Uhrzeit schon so hektisch und unfreundlich, als würden wir in fünf Minuten schließen. 


Plötzlich hörte ich eine Männerstimme lachen und drehte mich zur Eingangstür um. Dort stand er, der schönste Mann, den ich je gesehen habe. “Komm schon, Nicole. Lass uns schnell das Spiel holen.” sagte er und dann sah ich sie. Natürlich war ein Mann wie er vergeben und natürlich gab er sich nicht mit durchschnittlichen Frauen ab, schon gar nicht mit welchen, die gerade ein Elfenkostüm trugen. Ich konnte meinen Blick nicht von den Beiden abwenden, bis mir auffiel, dass sie auf mich zukam. Mist, bestimmt fragt sie, weshalb ich sie so anstarre. Schnell fing ich an, das Erste zu etikettieren, was mir in die Hände fiel.

 

„Entschuldigung, ich bin auf der Suche nach diesem neuen Barbie Haus.“ sagte die blonde Schönheit freundlich mit einem Lächeln.

Da sah ich ihn; den Ring an ihrem Finger. Natürlich, wie sollte es anders sein, mein Traummann war verheiratet.

„Meinen Sie das Glam Haus?“ fragte ich. Neue Barbie Sachen waren jedes Jahr der Renner, genauso wie dieses Jahr. Alle kauften sie für ihre kleinen Mädchen neue Barbies.

 

Moment, ein Ehering UND Kinderspielzeug? Sie waren verheiratet UND hatten ein Kind? Komm runter, Alice, sie müssen kein eigenes Kind haben. Sie haben bestimmt ein Patenkind oder eine Nichte.

 

Betrübt zeigte ich ihr, wo das Haus stand und machte mich dann weiter an die Arbeit. Eine neue Lieferung kam am Morgen rein und ich durfte alles in die Regale einsortieren. Ich versuchte ihn zu vergessen, immerhin war er nur einer von zahlreichen Kunden und Männer gab es auf dieser Welt wohl oder übel genug. Trotzdem fiel es mir irgendwie schwer. Mein Blick schweifte durch den Laden, auf der Suche nach dem unbekanntem Fremden. Er stand mit seiner Frau noch immer bei den Barbie Sachen. Sie redeten und guckten immer wieder zu mir rüber.

War Sie eine von den über-eifersüchtigen Frauen? Naja, einerseits konnte ich Sie verstehen; mit der Treue von Männern hatte ich meine eigenen Erfahrungen gemacht…

 

Emelie, arbeite weiter und lass dich nicht von Leuten ablenken, die du nicht kennst.

Plötzlich räusperte sich jemand hinter mir. Schnell drehte ich mich um und da stand er vor mir. Aus der Nähe sah er wirklich noch besser aus… Ich musste mich verdammt noch mal zurück halten, aber er war verheiratet und ich wusste, wie man sich als Betrogene fühlt.

 

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte ich deshalb ruhig und freundlich. „Ich weiß nicht. Hätten Sie Lust nachher noch einen Kaffee trinken zu gehen?“ fragte er mich mit einem so atemberaubendem Lächeln.

Oh mein Gott! In jeder anderen Situation hätte ich Ja gesagt, aber er war verheiratet und vielleicht hatte er sogar ein Kind. Wahrscheinlich hat er seiner Frau gesagt, er geht eben etwas nachfragen und ist dann so dreist und fragt mich nach einem Date.

„Nein, ich verabrede mich nicht mit Kunden.“ sagte ich deshalb so reserviert wie möglich und drehte mich wieder um.

 

Ich war froh, als ich endlich Feierabend hatte und dieses abscheuliche Kostüm ausziehen konnte. Neu eingekleidet fiel mir auf, dass ich seit heute Morgen noch nichts gegessen hatte.

Zum Kochen hatte ich keine Lust, deshalb beschloss ich, meinen alten Schulfreund Eric in seinem Restaurant zu besuchen.

Gesagt, getan.

Wie immer war es gut besucht. Kein Wunder, Eric hatte das beste chinesische Essen weit und breit.                           

                                                                 „Hey Lil, lang nicht mehr gesehen. Was führt dich denn endlich wieder mal  hierher?“ fragte er, während er mich umarmte.  „Was meinst du denn bitteschön mit endlich ?“ fragte ich gespielt empört. „Und wie wär’s, wenn du mich endlich mal bedienen würdest?! Immerhin bin ich ein zahlender Kunde.“

Nach ein paar weiteren Neckereien ging Eric in die Küche und bereitete mein Essen höchstpersönlich zu. Geduldig und voller Vorfreude auf meine gebratenen Nudeln saß ich an der Theke und ließ meinen Blick durch das Restaurant schweifen…

 

Ruckartig drehte ich meinen Kopf wieder nach links. So langsam kam ich mir verfolgt vor. Die blonde Schönheit von heute Mittag saß mit einem großen, schwarzhaarigen Mann  an einem Tisch und er nahm ihre Hand  während sie sich verliebt in die Augen sahen.

 

Ich konnte es nicht fassen! Wie konnte sie nur?! Wie konnte Sie ihren Mann hier an einem öffentlichen Ort betrügen, wo sie jeder sehen konnte?! Obwohl, vielleicht führten  sie auch so eine offene Ehe; ihr Mann hat mich doch heute Mittag auch nach einem Date gefragt.

 

„So, ich hab‘ deine Nudeln mit extra viel Liebe zubereitet.“ unterbrach Eric, welcher plötzlich hinter mir stand, meinen inneren Monolog. „Mhh, das riecht köstlich, Eric.“ Sagte ich, während ich mich umdrehte und die Tüte entgegen nahm. Als ich mich wieder umdrehte fiel mir auf, dass Blondie auf mich zeigte und dem schwarzhaarigem Mann etwas sagte. „Ach so, das ist die, die unserem Ben einen Korb gegeben hat.“ sagte er laut lachend.

 

Und da kam mir die Erleuchtung; was ist, wenn der blonde Schönling nicht verheiratet war und die blonde Frau mit dem schwarzhaarigen Kerl hier im Restaurant zusammen war?  Dann wollte er seine Frau heute Mittag nicht betrügen, sie betrog ihn gerade nicht  und das Thema mit der offenen Ehe war somit auch beendet. Und ich war so dumm und habe ihn eiskalt abserviert!

 

Die ganze Nacht musste ich daran denken, wie ich meine Chance verpatzt hatte und dafür bekam ich die Quittung, als ich den Spiegel guckte. Augenränder konnte man das schon gar nicht mehr nennen.

 Naja, ich wäre ja nicht ich, wenn ich nicht gutes Make-up besitzen würde. Als ich wieder halbwegs menschlich aussah, war es schon so spät, dass ich keine Zeit mehr zum frühstücken hatte und schnell in mein „Kostüm“ schlüpfen musste, um nicht zu spät zu kommen.

 

„Gut, dass du da bist, Emelie.“ Begrüßte mich Angela, die netteste meiner Kolleginnen. „Kannst du vielleicht meine Schicht übernehmen? Ich muss noch so viel für Heiligabend einkaufen, das schaffe ich sonst nicht. Und auch noch die ganzen Geschenke für meine Familie. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles schaffen soll.“ Erzählte sie mir.

„Ja, klar. Kein Problem, Ang.“ Versicherte ich ihr mit gespieltem Lächeln.

„Was ist los mit dir? Emelie, du weißt, dass du nicht lügen kannst und dein Lächeln ist zu hundert Prozent nicht echt.“ Sagte sie und sah mich skeptisch an.

 

„Ach, es ist nur so, dass jeder große Pläne für Weihnachten hat und mit der ganzen Familie zusammen ist, während meine Familie mich hasst und ich alleine bin.“ Fing ich an.

„Deine Familie hasst dich doch nicht. Du bist so eine nette und herzliche Person, Emelie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dich überhaupt jemand hassen kann, selbst wenn er es möchte.“

„Da kennst du meine Familie aber schlecht. Damals war ich mit jemandem zusammen; James. Meine Familie mochte ihn nicht, ich sollte mich von ihm trennen, was ich nicht wollte und so wurde ich kurzerhand rausgeworfen und niemand aus meiner Familie redete mehr mit mir. Und der Höhepunkt ist, als ich zu ihm ging um ihm davon zu erzählen, lag er mit ‘ner Anderen im Bett. Die ganze Zeit schon hatte er mich betrogen.“

 

„Oh, das tut mir leid. Das wusste ich nicht.“ Sagte sie und sah mich voller Mitleid an. Super, ich hasste es, wenn die Anderen mich so ansahen. „Ich hab ‘ne Idee.“ Rief sie und sah mich mit einem fetten Grinsen an. „Du kannst Weihnachten doch mit mir und meiner Familie verbringen. Was hältst du davon?“ fragte sie mich enthusiastisch.

„Ich weiß nicht, ich will euch nicht stören und das fünfte Rad am Wagen sein, Ang.“ Antwortete ich ausweichend.

„Ach was, du würdest uns nicht stören.“ Versicherte sie mir.

„Nein, nein, ich würde mich dabei nur schlecht fühlen. Feier du ruhig mit deiner Familie, das ist kein Problem für mich.“ Sagte ich lächelnd und hoffte, dass Angela nichts mehr dazu sagen würde. „Mhh, okay. Danke, dass du meine Schicht übernimmst. Du bist die Beste, Emelie“ bedankte sie sich, während sie mich umarmte. Um einem weiterem Gespräch mit Angela aus dem Weg zu gehen, drehte ich mich um und machte ich mich wieder an die Arbeit.

 

Und schon wieder sah ich die blonde Frau mit dem schwarzhaarigen Mann. Sie standen hinter mir und schienen darauf zu warten, dass Angela und ich unser Gespräch beendeten. So langsam wurde das unheimlich. Ich hoffte nur, dass sie unser Gespräch nicht mitverfolgt hatten.

Höflich fragte ich, ob ich ihnen behilflich sein könnte, um mich auch an die Geschäftsregeln zu halten.

„Ja, ich habe eine Bitte an Sie“, fing der Mann an zu sagen „Könnten sie meine Frau bitte davon überzeugen, dass eine Carrera-Bahn durchaus passend für unsere sechsjährige Nichte ist?“

 

Verwirrt sah ich ihn an. War das eine ernst gemeinte Frage? „Kommt ganz darauf an, ob ihre Nichte Autos mag.“ Antworte ich deshalb zögernd.

„Siehst du, Dan. Jetzt geh‘ deine Autobahn umtauschen und kauf‘ ihr etwas von Barbie.“ Sagte dann die Frau zu dem Mann, der anscheinend Dan hieß.

„Darf ich Sie etwas fragen?“ fragte mich die Frau, als ihr Mann lachend zur Kasse ging. „Ja, natürlich.“ Antwortete ich höflich, doch als Sie fragen wollte, klingelte ihr Handy.

 

„Hey Ben… Wir sind hier im Kaufhaus. Daniel geht gerade sein tolles Geschenk umtauschen… Ja, wir konnten ihn endlich überzeugen… Die nette Verkäuferin von gestern… Nein, ich habe dich nicht erwähnt… Jaja, schon gut. Bis nachher.“ 

„Das war mein Bruder.“ Entschuldigte Sie sich und verstaute das Handy in ihrer Tasche „Was ich fragen wollte; wir sind neu in der Stadt und hatten vor auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, jedoch haben wir keinen hier in der Nähe gefunden. Wissen Sie, wo ein schöner ist?“

Moment mal, was hatte sie zu ihrem Bruder gesagt? >Nein, ich habe dich nicht erwähnt<

War der schöne Mann, den ich gestern abserviert hatte, ihr Bruder? Wie konnte ich nur denken, dass sie verheiratet waren? Nach und nach ergab alles irgendwie Sinn; wie konnten mir die ganzen Ähnlichkeiten nicht auffallen?

 

„Kennen Sie nun einen?“ hakte Sie nach und unterbrach meinen Gedankengang. „Ähm… Ja, kenne ich.“ Sagte ich und erklärte ihr den Weg „Ist ein bisschen kompliziert zu finden.“

„Was halten Sie davon, wenn wir uns nachher um Acht hier vor dem Laden treffen und gemeinsam hingehen? Natürlich nur, wenn sie Zeit und Lust haben.“ Schlug Sie einladend vor.

„Nun, ich weiß nicht. Ich will Sie nicht stören; ich bin mir sicher, dass Sie den Weihnachtsmarkt schon selbst finden.“ Sagte ich und lächelte kurz. „Ach, Sie stören nicht. Immerhin habe ich Sie doch eingeladen. Haben Sie denn heute Abend schon etwas vor?“fragte Sie und ließ nicht locker.

„Nein, eigentlich nicht.“

„Na also. Wir sehen uns um Acht. Ich heiße übrigens Nicole; Nik ist auch okay.“ Sagte sie und wand sich dem Gehen zu. „Ich heiße Emelie.“ Rief ich noch hinterher, aber da war sie schon mit ihrem Mann verschwunden…

 

Jetzt triffst du dich also schon mit Fremden? „Sie hat mir doch gar keine andere Wahl gelassen.“, murmelte ich leise. Man hat immer eine Wahl, Emelie. Was ist, wenn deine Nicole eine verrückte Psychopathin ist? Ach, komm schon, Emelie. Jetzt sei nicht paranoid.

 

Pünktlich und wie verabredet stand ich um Acht vor meinem tollen Arbeitsplatz, jedoch war weit und breit keine Nicole zu sehen. Bis jetzt ist es mir nicht in den Sinn gekommen, dass sie es gar nicht ernst gemeint hat?

Doch als ich gehen wollte, kam jemand auf mich zu. Ich war verwirrt; das war die letzte Person, mit der ich gerechnet hätte. Anscheinend ging es ihm genauso wie mir.

„Sag mir nicht, dass meine Schwester dich herbestellt hat.“ Sagte er mit einer Stimme, die mich alles andere vergessen ließ.

„Äh ja, sie wollte mit mir auf den Weihnachtsmarkt. Naja, sagte sie zumindest.“

Er lachte kurz. „Das passt zu ihr. Mir hat sie gesagt, sie wäre schon hier und ich solle doch nachkommen.“

 

„Ich schätze, du willst bestimmt nach Hause. Wenn du möchtest, kann ich dich -“ Bot er mir höflich an, doch ich unterbrach ihn. Zum einen, weil ich mich entschuldigen wollte und möglicherweise auch, weil ich Zeit mit ihm verbringen wollte. „Es tut mir leid.“ Sagte ich deshalb schnell.

„Was tut dir Leid?“ fragte er mit verwirrter Miene. „Mein Verhalten letztens. Ich habe voreilige Schlüsse gezogen und dich falsch eingeschätzt.“ Gestand ich und guckte zu Boden.

Als ich wieder hoch guckte, sah er mich komisch an und fragte „Was hat Nik dir erzählt?“

„Ähm… Nichts. Was sollte sie mir erzählt haben?“ fragte ich nun verwirrt. „Ach, schon gut. Lass uns doch über den Weihnachtsmarkt gehen. Was hältst du davon?“ fragte er mich ausweichend und ich wusste nicht, ob er mich nur fragte um abzulenken oder, weil er es wirklich wollte. Trotzdem stimmte ich zu.

 

„Und, wie lange wohnt ihr schon hier? Deine Schwester meinte, dass ihr neu hierhin gezogen seid.“ Sagte ich, um das Eis zu brechen. „Wir sind vor ungefähr drei Wochen hierhin gezogen. Und du, lebst du schon lange hier?“

„Seit ich denken kann. Weißt du, die Leute hier ziehen nicht weg. Wer hier geboren wird, bleibt auch ein ganzes Leben lang hier. Es kommt selten vor, dass jemand Neues hierhin zieht.“ Antwortete ich und schaute zu ihm hoch.

 

Wir unterhielten uns weiter und achteten gar nicht auf die unterschiedlichen Stände, geschweige denn die anderen Menschen. Alles fühlte sich irgendwie so… vollkommen an. Plötzlich blieb Ben stehen. Verwirrt drehte ich mich zu ihm um und bemerkte erst jetzt die Musik, die auf der Bühne vor uns gespielt wurde. Als die Sängerin gerade >Video Games< von Lana Del Ray anstimmte, spürte ich, wie seine warme Hand nach meiner griff. Ich wusste gar nicht wie mir geschah, als er mich sanft näher zu sich heranzog.

Wir waren so nah beieinander und ich spürte, wie mein Gesicht sich errötete. Langsam bewegten wir uns zu der Musik und ich vergaß alles um mich herum. Das Einzige, was ich noch wahrnahm, waren seine Hände um meinen Körper und diese wunderbaren Augen, die wie ein Tor zu seiner Seele waren. Es war, als gäbe es nur uns beide auf dieser riesigen, chaotischen Welt.

 

Das Lied war mittlerweile zu Ende, doch wir ließen nicht voneinander ab. Fast schon magisch legte Ben seine Hand an meine Wange und blickte mir in die Augen. Sein Gesicht näherte sich dem Meinen und unsere Lippen waren nur noch wenige Millimeter voneinander getrennt…

 

Als ich aufwachte, kam mir der gestrige Tag wie ein wunderbarer Traum vor, aus dem ich nie mehr aufwachen wollte. Ich stand auf und nachdem ich das Lebkuchenherz auf meinem Nachttisch sah, wurde mir bewusst, dass es nicht nur ein Traum war, sondern wirklich passiert ist. Ich hätte es mir nicht schöner ausmalen können, doch es wurde immer besser; Ben lud mich zu sich nach Hause ein, um mit ihm und seiner Familie Weihnachten zu verbringen.

 

Während ich mich fertig machte, klingelte mein Telefon. Angela.

„Hey Angela. Was gibt’s?“ fragte ich, während ich mich schminkte. „Hey Emelie. Ich wollte nur nochmal nachfragen, ob du nicht doch nachher zu uns kommen willst.“

Ich erzählte ihr von Gestern aber ließ bewusst einige Stellen aus. „Oh, das freut mich ja so für dich, Emelie.“ Hörte ich sie euphorisch in den Hörer rufen. „Du erzählst mir doch hoffentlich noch, was nachher alles passiert, oder?“ fragte sie mit strenger Stimme, doch als ich antworten wollte, klingelte es an der Tür. „Du, ich muss auflegen; es hat gerade an der Tür geklingelt.“ Sagte ich hastig und legte auf.

 

Ich ging zur Tür, blickte durch den Türspion und da stand er, genauso atemberaubend wie gestern. Sobald ich die Tür öffnete, strahlte er mich an und fragte, ob ich fertig sei. Ich nickte, da ich von ihm so überwältigt und nicht mehr in der Lage war, einen vernünftigen Satz zu bilden. Er nahm meine Hand, während ich schnell noch meinen Mantel schnappte und die Tür abschloss.

 

Bei ihm zuhause angekommen, öffnete er mir die Autotür und führte mich zum Haus, welches unglaublich aussah; fast schon wie eine Villa. Die laute Weihnachtsmusik drang bis zu uns nach draußen und als wir eintraten, kam ich mir vor, wie in einem Weihnachts-Wunderland. Seine Familie empfing mich herzlich und ich fühlte mich sofort wohl und geborgen…


Ich hatte das Gefühl, dass dies das beste Weihnachtsfest meines Lebens werden würde und dieses bestätigte sich am Ende des Abends.

 

 

 

Silvester in New York

„So geht das nicht! So einen Müll will doch niemand lesen! Promis, Mode, Tierbabys; sowas wollen die Leute lesen! Wenn das so weiter geht, fliegst du raus!“ schrie mich mein Boss an. Wie jedes Mal, wenn ich einen fertigen Artikel ablieferte; nur weil ich meine Meinung schreibe und sage, wie die Welt wirklich ist. Nicht so wie die Anderen, die bloß oberflächliches Zeugs veröffentlichen…                                                                                                „Und jetzt mach dich nützlich und geh‘ Kaffee holen!“ sagte er noch immer laut und zeigte auf die Tür.

Immer dasselbe! Wütend verließ ich sein Büro, holte meinen Mantel und ging aus der Redaktion.  Ich bin Journalistin und kein Laufbursche, dachte ich während ich in der Kälte nach Starbucks lief. Natürlich war das Café mal wieder brechend voll und ich stand gefühlte drei Stunden in der Schlange. Als ich endlich dran kam und die ganzen Kaffees bestellt hatte, holte ich noch einen Blaubeer-Muffin für mich selber. Mit dem Muffin auf den Kaffeebechern eilte ich vorsichtig zur Redaktion zurück, als mich plötzlich irgendein Idiot anrempelte.

„Bist du blind? Kannst du nicht aufpassen?!“ fuhr ich ihn an und hob die heruntergefallene Tüte mit dem Muffin auf. „Schönheiten wie dich übersehe ich eigentlich nie.“ sagte er grinsend, während er mich von oben nach unten musterte. „Was ein Vollidiot.“ Murmelte ich und ging weiter. „Zu viel Koffein ist ungesund!“ rief er mir noch lachend hinterher. Dreh dich ja nicht um, dachte ich mir und ging schnurstracks weiter. 

Wieder in der Redaktion angekommen, verteilte ich die Kaffeebecher und als ich auf meinen Schreibtisch zuging, sah ich dort einen Zettel an meinem Computer kleben.  Sullivan will dich sehen!

So langsam ging mir das auf die Nerven; ich verbrachte mehr Zeit im Büro meines Bosses als an meinem Schreibtisch.

 

„Ich mach’s kurz; das hier ist deine letzte Chance. Wenn du den Artikel auch verhaust, schmeiß ich dich raus. Verstanden?“ fragte er und ich nickte. „Gut. Du wirst einen Artikel darüber schreiben, wie hier in New York Silvester gefeiert wird. Montag liegt der Artikel auf meinem Schreibtisch; wenn er gut ist, kommt er in die Zeitschrift, wenn nicht, dann kannst du dir einen neuen Job suchen.“

Was dachte dieser Kerl eigentlich wer er sei? Am liebsten würde ich ihm richtig die Meinung geigen, aber ich war auf den Job und das Geld angewiesen. „Ja, Mr. Sullivan, ich habe verstanden. Mein nächster Artikel wird ihren Erwartungen entsprechen.“

 

Wütend verließ ich sein Büro, schnappte mir meinen Muffin, den ich mittlerweile vor Wut gar nicht mehr essen wollte, und fuhr nach Hause.

Vor dem Haus blieb ich noch im Auto sitzen und schlug wieder und wieder auf das Lenkrad ein. Was fiel diesem mickrigen Kerl eigentlich ein, so mit mir umzugehen? Ich hatte nicht studiert, um mich so herumschubsen zu lassen.

>Silvester in New York<

Welch tolles Thema für einen Artikel, zumal unsere Zeitschrift nur in den USA verkauft wird und die meisten Leute wissen, dass Silvester am Times Square der Teufel los ist.

Andererseits konnte ich es mir nicht leisten, am Montag die Kündigung auf meinem Schreibtisch liegen zu sehen, also musste ich wohl oder übel über meinen Schatten springen.

Die Wohnung war leer. Rachel, meine Mitbewohnerin, war noch auf der Arbeit. Im Gegensatz zu mir war sie mit ihrem Job zufrieden; sie war Friseurin in einem der angesagtesten Friseurläden in ganz New York. Prominente Kunden inklusive.

Ich saß auf dem Sofa, mit meinem Laptop auf dem Schoß, und um mich herum waren tausend, mit Informationen vollgedruckte Blätter, verteilt. Es schien mir unmöglich, einen Artikel über ein solch sinnloses Thema zu schreiben. Gerade, als ich anfangen wollte zu tippen, kam Rachel in unsere Wohnung hereingestürmt und fing an, zu reden wie ein Wasserfall.

„Lex, Lex, guck dir den Flyer an. Da müssen wir heute unbedingt hingehen. Die haben da weltbekannte DJs und sind bekannt für…“ fing sie an und irgendwann hörte ich gar nicht mehr zu.

„Rachel, komm runter.“, versuchte ich ihren Redefluss zu stoppen „Ich habe keine Zeit, und um ehrlich zu sein, würde ich auch nicht mitkommen, wenn ich Zeit hätte.“

Man konnte deutlich sehen, wie ihre Mundwinkel nach unten wanderten. „Aber, aber, aber…“ fing sie stotternd an „Es ist Silvester und ich will feiern. Solange du meine Mitbewohnerin und beste Freundin bist, werde ich nicht zulassen, dass du diesen Abend auf dem Sofa verbringst! Hast du mich verstanden, Fräulein?!“ sagte sie nun mit erhobener Stimme und erhobenem Zeigefinger.

„Rachel, von diesem Artikel hängt meine Karriere ab.“ Sagte ich nun mit erhobener Stimme. Währenddessen schaute sich Alice meine Infozettel an und fragte mich mit hochgezogener Augenbraue:“ Alexa… Worüber genau schreibst du?“ „Ähm… New York.“ Antwortete ich langsam, da ich wusste, dass sie meine Arbeit zu ihren Gunsten nutzen würde.  „Und über was genau in New York?“ bohrte Rachel weiter. „Silvester.“ Antwortete ich so leise, dass sie es eigentlich nicht hätte hören können, doch ihren fledermausartigen Ohren entging nichts.

„Silvester? Wirklich? Was könnte dir denn besser helfen, einen Artikel über Silvester in New York zu schreiben, als selbst auf eine der coolsten Partys der Stadt zu gehen?“ fragte sie euphorisch und ich wusste, dass ich keine Chance mehr hatte, um zu Hause zu bleiben.

„Ja gut, mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig, als mich deinem Willen zu beugen.“ Sagte ich resigniert. Da fing sie plötzlich an zu hüpfen und in die Hände zu klatschen. „Super. Jetzt schwing deinen Hintern in dein Zimmer und mach dich fertig!“ rief sie und schubste mich in Richtung Flur.

Nachdem ich mich umgezogen und geschminkt hatte, ging ich rüber zu Rachel, welche, wie erwartet, noch nicht fertig war. „Wenn du dich nicht beeilst, können wir auch zu Hause bleiben, weil Silvester schon vorbei sein wird.“ Sagte ich, während ich mich am Türrahmen anlehnte. „Haha, sehr witzig, Lex.“ Konterte sie sarkastisch.

Nachdem Rachel endlich fertig war, schnappten wir uns ein Taxi und fuhren los. Als ich all die Leute vor dem Club sah, wollte ich am liebsten zurück nach Hause gehen, doch Rachel hielt mich am Arm fest und ließ mich auch nicht wieder los. Sobald wir den  Club betraten, zerrte mich Rachel auf die Tanzfläche und  ‘‘zwang“ mich, mit ihr zu tanzen.

„Ich geh uns eben was zu trinken holen.“ Sagte ich, um von der Tanzfläche zu fliehen. Gerade, als ich mich durch die Masse gedrängt hatte und an der Bar angekommen war, um zu bestellen, hörte ich eine mir bekannte Stimme. „Ein  Bier und einen Kamillentee für die Lady.“

„DU schon wieder? Was willst du denn hier?“ fragte ich aufgebracht, als ich mich umdrehte und in die Augen des Idioten, der mich heute Mittag angerempelt hatte, blickte.

„Bist du immer so schlecht drauf?“ konterte er dreist und breitgrinsend. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein?! „Ich muss los.“ Murmelte ich und entschloss mich zu gehen.

Mein Blick schweifte über die Tanzfläche und suchte Rachel.

„Deine Freundin sieht ziemlich beschäftigt aus.“ Sagte er, nachdem er an seiner Bierflasche nippte und eine Kopfbewegung in Richtung Toiletten machte. Ich folgte seiner Bewegung und dort stand Rachel, wildknutschend, mit irgendeinem blonden Kerl. „Na super…“ stöhnte ich und verdrehte meine Augen.

Nichtssagend verließ ich den Club und draußen fiel mir auf, dass ich den ganzen Weg nach Hause laufen musste, da wir mit dem Taxi gekommen waren.

Als ich lief und plötzlich Motorengeräusche hinter mir wahrnahm, beschleunigte ich automatisch mein Tempo. „Du lässt deine Freundin einfach so alleine mit einem fremden Typen?“ rief mir der Kerl von der Bar nach. Abrupt blieb ich stehen und drehte mich zu ihm um. „Was geht dich das denn bitteschön an?!“ rief ich zickig zurück und ging weiter.

„Naja, der Kerl könnte ein verrückter Psychopath sein.“ Antwortete er und fuhr mir weiter nach. „Ach ja? Wirklich? Und das sagt mir ausgerechnet derjenige, der mich in einer leeren, dunklen Straße mit dem Motorrad verfolgt?!“ rief ich wütend und stemmte zur Unterstützung meiner Worte die Arme an meine Hüften.

Er fiel in schallendes Gelächter und hielt neben mir an. „Komm schon, es ist kalt. Ich kann dich zuhause absetzen.“ Bot er mir dann höflich an. „Nein, danke. Wer sagt mir denn, dass du kein verrückter Psychopath bist?“ konterte ich diesmal.

„Wenn du willst, fahr ich auch ganz langsam, damit du abspringen kannst, wenn du glaubst, dass deine Sicherheit gefährdet ist.“  Schlug er vor.

„Weil es auch viel sicherer ist, von einem fahrenden Motorrad abzuspringen.“ Erwiderte ich.

Unglaublich, wie er mich dazu überreden konnte, auf diese Todesmaschine zu steigen. „Wie heißt du eigentlich?“ fragte er, während der Fahrt und drehte sich zu mir um. „Guck verdammt noch mal auf die Straße!“ schrie ich ihn an, da er sowieso schon viel zu schnell fuhr.

„Das ist aber ein seltener Name.“ Antwortete er sarkastisch „Ich bin übrigens Matt.“ „Na dann weiß ich ja jetzt, wer mich in den Tod fährt.“ Entgegnete ich bissig. „Wirst du mir denn nun noch deinen Namen verraten?“ fragte er und überging meine letzte Aussage. „Wenn du dich dann mehr auf die Straße konzentrierst.“ Antwortete ich „Ich bin Alexa.“  

Sofort fuhr er etwas langsamer, doch beruhigen konnte mich das auch nicht. Würden wir hier einen Unfall haben und schwerverletzt auf der Straße liegen, würde niemand Hilfe holen können. Genauso wenig, wie wenn er, Matt, jetzt anhalten würde um mich zu vergewaltigen und umzubringen. Auch wenn er nicht danach aussah, woher sollte ich wissen, dass er mich wirklich nur zu Hause absetzen würde. Wie konnte ich nur auf dieses Motorrad steigen?

„Moment, sind wir gerade an meiner Straße vorbeigefahren?“ fragte ich verwundert und wandte meinen Kopf nach hinten. Prompt fuhr Matt schneller. „Was soll das? Halt sofort an!“ schrie ich, während ich auf seinen Rücken einschlug. „Hey, würdest du aufhören, mich zu schlagen, sonst baue ich noch einen Unfall.“ Beschwerte sich der Psychopath. „Du wirst mich doch gleich sowieso aufschlitzen, also beschwer‘ dich nicht!“ schrie ich zurück. „Reg dich ab, ich hab‘ meine Messer zu Hause vergessen. Dir wird also nichts passieren.“ Sagte er lachend, woraufhin ich noch fester zuschlug. „Würdest du bitte endlich aufhören, mich zu schlagen?“ fragte er zum wiederholten Male. „Würdest du bitte ENDLICH anhalten?“ fragte ich zurück und er hielt tatsächlich an. Vor einem Park. Im Dunkeln. So viel zum Thema mir würde nichts passieren.

 

Schon wieder hatte er es hingekriegt, mich um den Finger zu wickeln. „Komm schon rüber.“ Sagte Matt von der anderen Seite des Zaunes einladend. Ich versuchte mein Bestes, fiel ihm  jedoch direkt in die Arme. „Doch so stürmisch?“ fragte Matt mit hochgezogener Augenbraue. Sofort befreite ich mich aus seinem Griff und ging strammen Schrittes davon. Nach ein paar Metern sah ich die Umrisse eines großen Gebäudes und nach längerem Betrachten wurde mir klar, dass wir uns gerade auf einem Sportplatz befanden. Super, jetzt wurde ich schon zum Einbruch verleitet. Als nächstes würden wir wahrscheinlich eine Bank überfallen.

„Warum hast du mich hierher gebracht?“  fragte ich, als ich mich neben ihm niederließ. „Denkst du, ich lasse dich den Rest des Jahres alleine zu Hause verbringen?“ entgegnete er grinsend. Ich wollte gerade sagen, dass ich etwas Besseres zu tun hätte, als hier herumzusitzen, doch plötzlich wurde sein Blick nachdenklich und er begann zu erzählen.

„Mein Dad und ich kamen früher immer hierher. Seit sich meine Eltern scheiden ließen, zog ich mit meiner Mom nach Chicago und sah meinen Dad nur noch einmal im Monat.­ Dann kamen wir immer hierher zum Baseball spielen. Seitdem komme ich immer hierhin, wenn ich eine Auszeit brauche.“ „Muss schön sein, ein so gutes Verhältnis zu seinem Vater zu haben.“ Sagte ich und merkte, wie sich seine Miene veränderte. „Ja, das war es.“ Antwortete er und schwieg. Ich wusste, dass nun der traurige Teil kommen würde. „Was ist passiert?“ fragte ich also und Matt erzählte den Rest der Geschichte. „Vor zehn Jahren ungefähr, als ich Fünfzehn war, kam ich wie jeden Monat hierher, aber er war nicht da. Also bin ich zu ihm nach Hause gelaufen, wo er auch nicht war. Vor der Haustür erzählte mir die alte Lady, die neben ihm wohnte, Mrs. Finkle, dass er im Krankenhaus lag und es ihm nicht gut ginge. Die Ärzte sagten, er hätte Bauchspeicheldrüsenkrebs. Als ich zu ihm wollte, war es bereits zu spät.“

Stille. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und lehnte mich einfach an seiner Schulter an, damit er wusste, dass ich ihm zuhörte und für ihn da war. Hätte ich gewusst, dass dieser Ort hier so eine Bedeutung für ihn hatte, wäre ich anfangs wahrscheinlich nicht so sauer gewesen.

Es war weiterhin ruhig und wir guckten einfach nur in den dunklen Himmel, bis das Feuerwerk unsere Stille durchbrach. Erschrocken zuckte ich zusammen und vernahm endlich wieder ein Lachen von Matt. Das Nächste, das ich wahrnahm, waren seine Lippen auf den Meinen.

Ziemlich verstört guckte ich ihn an und das Einzige, was ich über meine Lippen brachte, war ein verwirrtes „Was war das?“. „Macht man das nicht an Silvester so?“ räusperte er sich, wobei er eine Augenbraue hochzog. „Ähm… Ich weiß nicht. Möglicherweise…“ stammelte ich, noch immer überwältigt, und merkte, wie sich meine Wangen rot färbten.  

Matt lehnte sich zurück und brach dann wieder das Schweigen „Ich hab dir nun meine Geschichte erzählt. Was ist mit deiner?“ Ich erzählte ihm, dass ich für eine Zeitschrift arbeitete. Mehr oder weniger.

„Wie meinst du das?“ hakte er nach und ich erklärte ihm, dass ich hauptsächlich nur Drecksarbeit erledigen durfte. „Ich meine, dafür habe ich doch nicht studiert. Und jetzt werde ich auch noch gefeuert, weil ich den Artikel bis Montag nicht fertig kriege, dabei brauch ich den Job. Aber ich will mir das auch nicht mehr gefallen lassen, verstehst du?“ Er nickte und fügte dann noch hinzu „Warum schreibst du dann nicht selber? Ich meine, wenn du gerne schreibst, dann könntest du doch an einem Buch arbeiten, oder dich bei einer besseren Zeitschrift bewerben.“

Der Gedanke mit dem Buch gefiel mir. So könnte ich endlich über Sachen schreiben, die mich wirklich interessierten und niemand würde mich so abfällig behandeln. Entweder würden die Leute meine Bücher kaufen, oder nicht.

Auch wenn der Gedanke an ein Buch vielleicht etwas zu groß ist; ich könnte bei einer anderen Zeitschrift anfangen und nebenbei an einem Buch arbeiten.

So langsam wurde es kalt und ich begann zu frösteln. Aus dem Augenwinkel heraus konnte ich erkennen, wie Matt seine Jacke auszog. „Streck‘ deine Arme aus.“ Sagte er auffordernd. Etwas skeptisch sah ich ihn an, tat aber, was er sagte. „Ich könnte das alles nicht.“ Sagte er, nachdem  ich meine Arme durch seine Jackenärmel steckte und seine Jacke mich wie eine Pullidecke vor der Kälte schützte. „Was könntest du nicht?“ fragte ich und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Naja, so stressig leben.“ Antwortete er. Völlig empört hakte ich nach. „Was für einen Job hast du denn dann bitteschön, der nicht auf irgendeine Art stressig ist?“

„Ich reise viel. Letztes Jahr zum Beispiel, habe ich Kindern in Brasilien Englisch beigebracht. Ich lebe einfach da, wo mein Motorrad mich hintreibt.“ Erklärte Matt.

Seine Art zu leben war schon beeindruckend und ich musste mir eingestehen, dass ich etwas neidisch auf ihn war. Von so einem Leben konnte ich zurzeit nur träumen.

Er legte sich zurück und ich tat es ihm gleich. Mit seinem Arm unter meinem Kopf hatte ich einen bequemen Blick in den New Yorker Himmel. Seit ich hier wohnte, hatte ich mir noch nie so genau die Sterne angeguckt. „Siehst du das? Da ist der große Bär.“ Sagte Matt und zeigte nach oben. Wir deuteten weiter die Sterne und Matt zeigte mir weitere Sternbilder, und den Polarstern, woraufhin ich mir ein paar Sternbilder ausdachte, oder eher neu entdeckte, und ihm das große Dreieck, wie ich es nannte, zeigte.

Ich nahm ein lautes Geräusch wahr, konnte es jedoch nicht einordnen. Als ich meine Augen öffnen wollte, um dem mir noch unbekannten Geräusch nachzugehen, blinzelte ich ein paar Mal. Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht und es war angenehm warm, obwohl es erst Januar war. Ich schaute mich um, um zu sehen, ob Matt schon wach war, als ich bemerkte, dass ich ganz alleine hier war. Abgesehen von dem Mann, der den Rasen mähte.

Unglaublich. Was für ein Arsch! Wie konnte er mich nach dem gestrigen Abend hier so alleine liegen lassen?!

Ich stand auf und strich mir die Haare aus dem Gesicht, als mir auffiel, dass etwas auf meiner Handinnenfläche stand. Wenn du mal ‘ne Auszeit brauchst. Darunter stand eine Handynummer.

Mit einem Lächeln in meinem Gesicht machte ich mich auf den Weg nach Hause.

Es war Montag; Zeit um meinen Artikel abzuliefern. Meine „letzte Chance“ den Job zu behalten. Ich klopfte an Mr. Sullivans Tür und trat nach einem unfreundlichen „Herein“ in sein Büro ein.  Gerade als ich „Guten Morgen Mr. Sullivan.“ sagen wollte, unterbrach er mich und sagte bereits genervt „Hoffen wir mal für dich, dass der Artikel gut ist.“ Freundlich überreichte ich ihm meinen Artikel und beobachtete seine Reaktion, während er diesen überflog. „Das nennst du Silvester in New York?“ sagte er mit erhobener Stimme. „Was stellen Sie sich denn unter dem Thema vor?“ fragte ich genervt und versuchte mich zusammen zu reißen. „Ehm… Auf jeden Fall nicht soetwas.“ war das Einzige, was er dazu sagte. „Wissen Sie was, Mr. Sullivan? Seit ich hier arbeite hat Ihnen noch keiner meiner Artikel gefallen und mitlerweile glaube ich, dass es weniger an meiner Schreibweise liegt, sondern eher daran, dass Sie etwas gegen mich haben.“ Schrie ich ihn an. Heute würde ich ihm endlich meine Meinung sagen! „Denk mal drüber nach, in welchem Ton du gerade mit mir redest. Oder willst du, dass ich dich sofort rausschmeisse?“ schnauzte er mich an. So sauer habe ich ihn noch nie zuvor gesehen. „Ehrlich gesagt, ist es mir ganz egal, was Sie jetzt machen, denn ich werde mir das nicht weiter gefallen lassen. Ich kündige!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich aus seinem Büro und verließ die Redaktion.

Als ich draußen war, stand Matt wie vereinbart, mit seinem Motorrad vor der Redaktion. „Und, was hat er gesagt?“ fragte er neugierig. „Er fands scheiße, aber egal, ich hab gekündigt.“ Sagte ich und zuckte mit den Schultern. Lachend klopfte er auf den Platz hinter sich und lud mich so zum aufsteigen ein. In sein Lachen einstimmend setzte ich mich hinter ihn, schlung meine Arme um seine Mitte und legte mein Kinn an seiner Schulter ab. Er fuhr los und wir begonnen unser erstes, gemeinsames Abenteuer.

We make Tumblr themes